Politik in den sozialen Medien
Rücken die Abstimmungen näher, ist die Chance gross, dass du sein Gesicht auf Instagram oder TikTok siehst. Am Küchentisch erklärt er dir jeweils, was er von den aktuellen Abstimmungsvorlagen hält. Die Rede ist von Flavien Gousset, dem politischen Content Creator, der mit seinen Erklärvideos zu den Abstimmungen in den sozialen Medien hunderttausende Menschen erreicht.
Wie er seinen Erfolg erklärt, was ihn motiviert und ob er mit seinen Videos ganze Abstimmungsresultate verändern kann, erfährst du im Bericht:
Polit-Influencer – oder doch nicht?
Flavien erreicht mit seinem Content viele Menschen. Dabei beeinflusst er häufig die Meinung seiner Zuschauer*innen zu den Abstimmungen, indem er seine Haltung zur jeweiligen Vorlage darlegt. Damit ist er praktisch ein Influencer, könnte man behaupten.
Flavien war aber noch nie ein Fan davon, seinen Job als Influencer zu bezeichnen. Bereits 2021, als er zu Gast im Krass Politic war, hat er sich davon distanziert. Das hat sich bis heute nicht verändert, denn für ihn ist der Begriff „Influencer“ stark mit Produktwerbung verbunden.
"Ich habe in diesen sechs Jahren nie für irgendetwas, auch nicht für ein mega cooles Produkt, Werbung gemacht."
Er sieht sich also nicht als Influencer, da er seine Plattform bewusst nicht für Werbung nutzt. Flavien bezeichnet sich selbst als politischer Content Creator. Seit Ende 2025 macht er die Videos nun auch hauptberuflich. Unterstützt wird er dabei mit kleinen monatlichen Beiträgen von über 1200 Personen, die seine Arbeit finanziell unterstützen möchten.
Entscheiden seine Videos Abstimmungsergebnisse?
Die Relevanz sozialer Medien als politische Informationsquelle ist insbesondere bei jungen Menschen gewachsen. Ein Beispiel: Ein Drittel der 18- bis 24-jährigen Stimmberechtigten haben soziale Medien gezielt genutzt, um sich über die Umweltverantwortungsinitiative zu informieren. Das zeigen Daten der Nachabstimmungsbefragung zur Vorlage. Soziale Medien spielen demnach bei Abstimmungen, besonders bei Jungen, eine relevante Rolle. Flavien Gousset ist nicht der Einzige, der seine politische Haltung in Form von Videos vermittelt. Auch Parteien und Organisationen posten mittlerweile professionell gestaltete Beiträge auf den Plattformen.
Dennoch wird der aktuelle Einfluss von Social Media auf Abstimmungsergebnisse relativiert. Das aktuelle Medianalter* liegt bei etwa 60 Jahren und nur eine Minderheit der älteren Stimmbevölkerung informiert sich über die sozialen Medien. Forschende gehen jedoch davon aus, dass sich der Einfluss der sozialen Medien auf Abstimmungsresultate in Zukunft vergrössern wird, da die junge Bevölkerung älter wird und die Mediennutzung voraussichtlich konstant bleibt.
Verantwortungsgefühl durch Reichweite
Flavien macht bereits seit sechs Jahren Abstimmungsvideos in den sozialen Medien. Mittlerweile veröffentlicht er seine Videos nicht nur auf Instagram, sondern auch auf TikTok, Youtube und LinkedIn. Seine Motivation für die Videos war die Auffassung, dass es auf Instagram zu wenige politische Inhalte gibt, obwohl viele Menschen ihre Zeit dort verbringen. Hinzu kam die persönliche Lust, komplexe Dinge gründlich zu recherchieren und seine Haltung anderen Menschen verständlich zu übermitteln. Mit der Zeit ist zu seiner Motivation auch eine Verantwortung hinzugekommen, da Leute auf seine Videos zu den Abstimmungen warteten.
"Das, was ich mache, unterscheidet sich gar nicht gross von Meinungsbeiträgen in Zeitungen. Einfach auf den sozialen Medien."
Seine gründliche Recherche und seine Kompetenz, auch schwierige Themen verständlich zu vermitteln, zahlen sich auch aus. Mehrminütige Videos passen eigentlich nicht in den Algorithmus, doch seine Videos erzielen dennoch zum Teil bis zu einer Million Aufrufe. Er erklärt sich seinen Erfolg damit, dass Menschen Vertrauen in seine Arbeit gefasst haben und der Meinung sind, dass sich die mehreren Minuten lohnen. Dazu werden seine Videos auch häufig von Zuschauer*innen in ihrem Umfeld geteilt.
*Das Medianalter ist ein statistischer Mittelwert, der die Bevölkerung in zwei gleich große Hälften teilt. Wenn das Medianalter 60 beträgt, bedeutet das, dass die eine Hälfte der Bevölkerung unter und die andere Hälfte über 60 ist.